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Festival Nomen est omen: Hutter Vernissagerede

Verfasst von Eva Buhrfeind | |   Vernissagerede

Vernissage Festival Nomen est omen vom 1. Juli 2011 in Wangen an der Aare mit Anje Hutter, Schang Hutter und Peter Hutter.

Meine Damen und Herren
Es ist schön, dass Sie gekommen sind.

Liebe Anje
Es freut mich, dass ich ein paar Worte über dich sagen darf.

Hin und wieder, wenn ich in den Ferien an der Ostsee am Strand stehe und in die Ferne schaue, auf den Horizont, diese Grenze von Himmel und Meer, denke ich an Anje Hutters Meeresstimmungen.

Da ist die reine Fläche der See, des Himmels und eine meist präzise, manchmal diffuse Linie, die Himmel und Erde trennt, die sich zu Farbschichten vom Wasser und Himmel nuanciert und an ganz bestimmten Tagen zart rosa schimmert wie ein vages Band.
Nicht mehr, nicht weniger.

Und das, obwohl sicher über 1300 km Distanz zwischen beiden Orten liegen und Anje Hutters Bilder von der Toskana inspiriert sind als immer neu er- und durchlebte Unendlichkeit des Meeres und des Himmels, die sich bei ihr zu Stimmungsräumen gliedern.

Es ist das Wundersame und Atmosphärische, das verbindet, diese unerklärlich schönen einfachen Stimmungen von Weite und Absolutheit, die man manchmal einfach nur noch malen kann, um sie zu beschreiben.
Das Grenzenlose des Einfachen lässt Geheimnisvolles ahnen, dieses nicht immer in Worte Fassbare, das es zu erspüren gilt. In der Natur, in den einfachen Dingen, in Anje Hutters Bildern.
Denn trotz - oder gerade wegen - dieser fulminanten Reduktion und den dunklen, fast düsteren Farbnuancen haben Anje Hutters Bilder immer ein letztes Geheimnis, geben sie nicht alles preis.

Ja, ihre Bildinhalte sind in ihrem unverkennbaren Gegenspiel von geerdeter Malerei und sinnbildhaftem Moment mehr als einfach nur abstrakt gemalte Eindrücke.
Es sind geistige Stimmungsorte, die das Schöne und den Schmerz wie die Trauer und die Hoffnung, die Freude und die Melancholie aufnehmen.
Immer wieder überrascht in ihren Ölbildern - in der Konzentration auf wenige klare Flächen, Schichtungen und Archetypen - eine kontemplative Intensität, eine spirituelle Bildwerdung und Bildfindung, die auch die Betrachter nacherleben können.
Geht es doch bei Anje Hutter über das betonte Material des Farbauftrags hinaus auch um das Immaterielle des Malerischen, um ein tiefes Miterleben dieses Prozesses. Anje Hutter malt bedächtig und trägt sehr bewusst und doch aus dem Gefühl heraus die Farben zu vielen lasierenden Schichten auf, bis sie in ihrer kompakten Materialität an Tafelbilder auf Holz erinnern, bis diese eigenartigen zeichenhaften oder reliefartigen Formen, Farbfelder und Motive entstehen.
Oft dauert es Jahre, bis ein Bild für Anje Hutter jene Farbdichte erreicht hat, die dann in feinen Nuancen mit den darunterliegenden Schichten reagieren. Geht es doch auch darum, die Tonalität der Farbtonabstufungen zu sensibilisieren.

Dann offenbaren sich jene stimmungsvollen Momente, die ihr Fühlen und Denken, ihr Sehen und Erfahren begleiten und Empfindungen, Erlebtes, Durchlebtes, Hoffnungen und das Wunderbare des Daseins, auch Philosophisches, Gefühlswelten und das Schicksalhafte überhaupt einlagern.
Diese streng reduzierten, formelhaften Inhalte, die sinnbildhaft Aussen-, Innen-, aber eben auch spirituelle Räume andeuten, werden oftmals von den ahnungsvollen Farben der Dunkelheit (Violett, Blau und Schwarz) - mit Ton-in-Ton- oder zum Teil elementaren Kontrasten - oder aber den meist nächtlichen Modulationen des Meeres und des Himmels getragen.
Räume, die durch den breiten Rahmen eine Begrenzung erfahren, so dass man wie durch ein Fenster hinein- oder hinausschaut in einen ganz besonderen inneren oder äusseren Augenblick, in denen stets Zeichen wirken:
Sichtbare wie ein rotes Fenster oder hellviolette Rechtecke als rätselhafte Chiffre, oder die plastische Verdichtung eines Farbfeldes als persönliche Metapher.

So kann man jetzt Meeresstimmungen erleben, in denen sich die Tiefen des Wassers und die Unendlichkeit des Himmels an der Schnittstelle reiner und gefühlter Naturerfahrungen berühren, sich blauen modulierten Farbbahnen schichten, oder ein rosa Band wie ein überirdisches Lichts leuchtet. Einen entrückter Mond von romantischer Strenge, der sich als vertikales Licht durch die blauschwarze horizontale Gliederung ins Traumhafte bricht oder der beseelt über ein lichtes Wellental ruht.

Ein kleines rosa lichtes Fenster in der unendlichen violetten Tiefe. In der Form halb Kreis, halb Rechteck, deuten diese Archetypen Himmel und Erde an, sinnbildhaft also das Sein und das Hoffen: Das Fenster ist malerisch-dramaturgischer Fixpunkt und Hoffnungsmoment zugleich.
Eine gefässartige Form erhebt sich aus dem dunklen Bildraum, ist bereit, Empfindungen und Assoziationen aufzunehmen.
Anje Hutters Bilder sind menschenleer, denn sie selber steckt ja in jedem Werk, in jeder Farbe, jedem Moment, ihre Wahrnehmungen, ihre Weisheit, Erkenntnis und Intuition, konzentriert auf das Existentielle.

Doch dann steht da diese einsame dunkle, verhüllte Gestalt am Meer, eine Nonne vielleicht, man denkt nämlich unwillkürlich an Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer". An eine Stimmung des Erhabenen und Duldsamen vor einem unendlichen Universum.

Vielleicht oder wahrscheinlich ist es auch nur das Ich, die Seele verpuppt im Kokon des Lebens, wartend, erwartend.

Wer weiss, Anje Hutter gibt nicht alles preis in und mit ihren Bildern.


Die Ausstellung dauert bis 1. August 2011.

Eva Buhrfeind, 1. Juli 2011

Eva Buhrfeind bei der Ausstellungseröffnung Nomen est omen in Wangen an der Aare.
Eva Buhrfeind bei der Ausstellungseröffnung Nomen est omen in Wangen an der Aare.