Wie doch der erste Eindruck täuschen kann. Was man meint zu sehen, ist nicht das, was dahinter steckt, ist nicht das, wie es sich zum Bild fügt. Was ist das, fragt sich die geneigte Betrachterin, der geneigte Betrachter neugierig, wie wurden diese eigenwillig-spannenden Inhalte erschaffen? Ist es eine sich Deutungen entziehende Malerei, zum Beispiel mit Strukturen, fliessenden Farben und weichem Pinsel? Zeigt sich die Natur wundersam, lassen sich eruptierende Fontänen herauslesen, im Nebel verschwindende Bäume oder Totholz, gar eine symbolistisch sich verschleiernde Frau; finden sich landschaftliche Zeichen markanter Gebirge, Mohnblütenartiges? Weder noch, es sind an sich einfache, alltägliche Momentaufnahmen, ganz klassisch fotografiert, die neue Wirklichkeiten und Seherfahrungen generieren. Und die Spass machen, sich auf ein subjektives Sehvergnügen, eine neue Bilderfahrung einzulassen, nach und nach zu erfahren, dass das, was man für Malerei mit Farbe und Material gehalten hat, letztendlich zarte Flechten oder Moose, vielfältig sich vertiefende Verwitterungsspuren, zeichenhafte Erosionsprozesse, Kritzeleien, einfache Farbkleckse auf einer schlichten Wand sind. Das Imaginäre, die magische Tiefenwirkung wie die irreale oder naturnahen Atmosphären sind letztendlich nichts als reine Alltagsrealität.
Ja, die freischaffende Fotografin Claudia Leuenberger, 1956 in Zürich geboren und in Solothurn aufgewachsen und lebend, zeigt auch mit diesen Arbeiten unter dem Titel «Beinahe übersehen» die Macht der Fotografie, die Kraft des subjektiv gewählten Ausschnitts und der effektvollen Farbpalette, um dem Sehen und Wahrnehmen, um einer individuellen Betrachtung neue Perspektiven zu bieten, wenn alltägliche Ansichten sich zu raffinierten Bildempfindungen erweitern. Und wenn aus der präzisen digitalen Fotografie, sei es Kamera, sei es Smartphone, sich die situative Abbildung mittels künstlerisch gewähltem, konzentriertem Bildausschnitt und Tintenstrahl-Druckverfahren mit lichtechten Pigmenten auf säurefreiem Papier in malerische Stimmungen verwandelt.
Das Ausgangsmotiv, das ist die Wetterseite einer banalen, alten Garagen-Eternitwand, ausgesetzt den jahrelangen Einflüssen von Wind und Wetter, Feuchtigkeit, Sonne, Erosion, Moos und Flechten, Kritzeleien; Porösem und Farbspuren, die Claudia Leuenberger auf dem Weg durch ihr Quartier mit dem geschulten fotografischen Blick gesichtet hat. Wobei die wechselnden Tages- und Jahreszeiten, die Erosionen und wandelnden Zustände immer neue Ansichten und Bildmöglichkeiten boten.
Es sind Arbeiten, die man nicht so schnell übersieht, die nachklingen, ist es doch der Fotografin einmal mehr geglückt, eine kaum wahrnehmbare Begebenheit, die man «beinahe übersieht», in den Bildern nachhaltig sichtbar zu machen.
Die Ausstellung von Claudia Leuenberger dauert vom 7. - 28. März 2026


